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Bewertungspraktiken in der Promotionsbetreuung

Unsere Arbeitsgruppe für den DGfE Kongress 2020 in Köln wurde angenommen. Meike Baader, Anja Franz, Kerstin Jergus und ich diskutieren über die „Optimierung durch Wettbewerb im Wissenschaftssystem“.

Die Beiträge in unserer Arbeitsgruppe nehmen die optimierte Universität in den Blick und fragen aus theoretischer und empirischer Perspektive, mit welchen Optimierungsannahmen die verstärkte Wettbewerbsorientierung der Universitäten verbunden ist, in die sowohl die Organisation als auch ihre Mitglieder eingebunden sind.


Der Umbau der Universitäten zur „unternehmerischen Universität“ in den letzten Jahren bringt eine verstärkte Wettbewerbsorientierung mit sich, die vor allem als Wettbewerb zwischen den Universitäten beschrieben wurde, bei der Einzelne nicht mehr im Vordergrund stehen, sondern in die Konkurrenz der Hochschule als Ganzer eingebunden seien. (Langewiesche 2007, S. 17). Der Wettbewerb um die „Besten Köpfe“ ist damit Teil der Konkurrenz zwischen den um ihre Optimierung bemühten Universitäten. Langewiesche betont, dass sich die Formen des Wettbewerbs radikal verändert hätten (ebd.). Diese in ihren Auswirkungen auf die akademischen Mitglieder der Universitäten, insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs, zu beschreiben, soll in der AG unter verschiedenen Aspekten analysiert werden.

Zwar ist wissenschaftliche Erkenntnis generell dadurch gekennzeichnet, jederzeit in Frage gestellt zu werden und im Streit um bessere Argumente, Theorien und Beschreibungsweisen zu stehen. Die moderne Universität beruht auf der Rationalität der Steigerung und Verbesserung: Geltende Wissensbestände werden fortlaufend durch neue Erkenntnisse und verfeinerte Methoden in Frage gestellt. Die unterschiedlichen Zugänge konkurrieren dabei in erster Linie um die sachliche Angemessenheit und im Rahmen von Stellenbesetzung unterliegen sie der Norm der „Bestenauslese“. Zugleich ist dieser inhaltliche Wettbewerb um die optimierte Wissenschaft stets flankiert von Konkurrenz um Ressourcen und Sichtbarkeit. Dies verschärft sich unter Bedingungen unterfinanzierter Hochschulen, in denen Stellen- und Mittelknappheit das Ringen um Wissen und Erkenntnis in einen Wettbewerb unter Marktbedingungen zwingt.

Die Beiträge der Arbeitsgruppe fragen danach, was diese verstärkte Wettbewerbsorientierung für den Alltag an den Universitäten, das Verständnis von Wissenschaft und die alltäglichen Praktiken von Wissenschaftler*innen bedeutet. Führt der Anstieg der Wettbewerbs-orientierung im Wissenschaftssystem nicht nur zu Konkurrenz unter den Wissenschafts-organisationen, sondern auch unter ihren Mitgliedern? Basiert doch die Wettbewerbs- und Outputorientierung auf kompetitiven Verfahren bei Stellenbewerbungen, Forschungs-anträgen, Einreichungen von Beiträgen im Reviewverfahren etc. Sich Begutachtungsprozessen ausgesetzt zu sehen, selbst zu begutachten und zu bewerten durchzieht den Alltag der akademischen Mitglieder von Wissenschaftsorganisationen, die sich damit im Dauerwett-bewerb, in vielfältigen Konkurrenzen und in Dauerbewertungsprozessen befinden. Die Formalisierung von Bewertungspraktiken in der Wissenschaft basiert auf einem Bündel an Kriterien, die Messbarkeit und damit eine objektive Vergleichbarkeit im Wettbewerb um Stellen, Projekte und Veröffentlichungen suggerieren. Zielt die Herstellung von Ver-gleichbarkeit darauf, Differenzen in der Leistung deutlich zu machen, so hat sie vor allem eine Anpassung der Bewerteten an die Kriterien zur Folge. Wie wirkt sich diese Struktur auf die sozialen Beziehungen, die Statusgruppen, die Kooperationen, das Wissenschaftsverständnis und die wissenschaftlichen Fragen aus?

Was bringt die optimierte Universität für ihre Mitglieder und das Wissenschaftsverständnis mit sich? Welche Konzepte und Vorstellungen von Universität und Wissenschaft sowie des gemeinsamen Ringens um Erkenntnisse finden darin keinen Platz mehr? Wie ist die Anerkennung von Leistungen ausgestaltet? Welche Bewertungspraktiken lassen sich identifizieren? Wo und wie wird die Dauerkonkurrenz bearbeitet? Und wenn die Optimierung nicht gelingt, ist der Ausstieg aus dem Wissenschaftssystem die Folge? Warum ist eine Thematisierung von Ausstieg nur selten möglich? Wo hat das Scheitern als Schattenseite der Optimierung seinen Ort und wo und wie wird es bearbeitet? Welche Strategien zur Bewältigung von Konkurrenz und Scheitern lassen sich identifizieren und welche Tabus sind damit verbunden?  

Bewertungspraktiken in Lehr-/Lernsettings der Promotionsbetreuung

Mein eigener Beitrag in der Arbeitgruppe beschäftigt sich mit den Bewertungspraktiken in Lehr-/Lernsettings der Promotionsbetreuung:

Im Zuge der Veränderung durch die Einführung der strukturierten Promotionsförderung hat sich eine größere Varianz von Lehr-/Lernsettings im Promotionsprozess entwickelt (Baader/Korff 2017). Im Beitrag stehen konkrete Interaktionssituationen im Mittelpunkt, in denen die Promotion sowohl als Arbeits- und Lernprozess wie auch als materiales schriftliches Objekt Thema ist. Diese Perspektive erhellt die Frage, wie in der Wissenschaft (dem Nachwuchs) Leistung interaktiv zugeschrieben wird (Beaufaÿs 2005). Forschungsleitend sind die Fragen: In welchen Situationen und personellen Konstellationen wird wer, von wem, wann und wie bewertet? Und welche Rolle spielen Objekte bei der Bewertung (Böhringer 2015)? Die theoretische Rahmung bilden Überlegungen Luhmanns (2002) zum Interaktionssystem Unterricht, zur Soziologie der Bewertung (Meier et al. 2016), sowie konversationsanalytische Arbeiten zu Praktiken in institutionellen Kontexten (Goffman 1983). Die Datenbasis beruht auf 18 bundesweiten und fächerübergreifenden Videoaufzeichnungen von Einzelgesprächen und Gruppenveranstaltungen mit Promovierenden und Betreuenden aus dem Projekt „Bewertungspraktiken in Lehr-/Lernsettings der Promotionsbetreuung“ (Laufzeit 2018-2020). Die Auswertung erfolgt konversationsanalytisch (Böhringer/Wolff 2010). Vorgestellt werden die (Zwischen-)Ergebnisse aus dem Projekt zur Inventarisierung von Bewertungspraktiken im Promotionsprozess.


Literatur:

  • Baader, M. & Korff, S. (2017): Ungleichheiten in der strukturierten Promotionsförderung – mehr Chancengleichheit durch Strukturierung? In M. S. Baader & T. Freytag (Hrsg.), Bildung und Ungleichheit in Deutschland (S. 339-366). Wiesbaden: Springer VS.
  • Beaufaÿs, S. (2005): Aus Leistung folgt Elite? Nachwuchsförderung und Exzellenz-Konzept. In: gender politik online.www.fuberlin.de/…Aus_Leistung_folgt_Elite…/leist_elite_beufays.pdf.
  • Böhringer, D. (2015): Formulare in Aktion – Zur Herstellung von Dokumenten in der Arbeitsverwaltung. In: Kutscher, N.; Ley, T. & Seelmeyer, U. (Hrsg.) Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Hohengehren: Schneider, S. 260-280.
  • Böhringer, D. & Wolff, S. (2010): Der PC als „Partner“ im institutionellen Gespräch. In: Zeitschrift für Soziologie, 39, 3, S. 233-252. Online verfügbar unter: http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/3038/2572.
  • Goffman, E. (1983): The Interaction Order. American Sociological Association, 1982 Presidential Address. American Sociological Review, 48, 1, S. 1-17.
  • Langewiesche, D.: Ende einer Lebensform. Welche Folgen hat der Umbau der europäischen Hochschullandschaft? 29. 1. 2007, Süddeutsche Zeitung, S. 17.
  • Luhmann, N. (2002): Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Meier, F.; Peetz, T. & Waible, D. (2016): Bewertungskonstellationen. Theoretische Überlegungen zur Soziologie der Bewertung. Berliner Journal für Soziologie, 26, 4, S. 307-328.

Abstract (PDF)


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Foto von Juli Kosolapova auf Unsplash