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Der Ausstieg aus der Wissenschaft im Programm der PAWde!?

Welche Gewichtung hatten Karriereoptionen außerhalb der Wissenschaft im Programm der Postdoc Appreciation Week Germany 2023?

Die Fragen, die sich bezüglich des Schwunds im Pool der Wissenschaftler*innen in der frühen Karrierephase stellen, sind vielfältig. Zu Beginn meiner Forschung noch ein Tabu, ist inzwischen klar, dass aus statistischer Sicht die Wissenschaftskarriere eine Ausnahme bildet und der Ausstieg aus der Wissenschaft der Normalfall ist! Ging es 2014 noch ausschließlich um einen selbstgesuchten Karriereweg im Wissenschaftssystem (Böhringer et al. 2014) ohne Exit-Option (Korff 2015), ist der Ausstieg aus der Wissenschaft inzwischen ein selbstverständlicher Bestandteil im Angebot der Unterstützungslandschaft von Graduierteneinrichtungen.

Die Postdoc Appreciation Week Germany (PAWde) bietet hierfür ein beeindruckendes Beispiel. Doch nicht nur die Analyse ihres Programmangebots ist spannend, sondern auch die Tatsache, dass deutsche Graduierteneinrichtungen bereits zum zweiten Mal ihre Kräfte gebündelt haben, um ihre Angebote für Postdocs deutschlandweit sichtbarer zu machen und zu öffnen.

Die PAW in den USA und im Vereinigten Königreich hat das deutsche PAW-Koordinationsteam dazu inspiriert, Forscher*innen, Postdoc-Koordinator*innen sowie Forschungsadministrator*innen in ganz Deutschland dazu einzuladen, gemeinsam ein einzigartiges Programm mit verschiedenen Veranstaltungen und eine Social-Media-Kampagne auf die Beine zu stellen (vgl. https://paw-germany.de/, Stand 24.09.2023).

Diese Woche ändert zwar nichts an den aktuellen Arbeitsbedingungen im Wissenschaftssystem, und für manche Postdocs mag die Bezeichnung der „Postdoc Appreciation Week“ ironisch klingen. Dennoch finde ich es positiv, dass sich 66 Einrichtungen zusammengeschlossen und ihre Angebote für Postdocs deutschlandweit zugänglich gemacht haben.

Welche Themenschwerpunkte fanden sich im Angebot der PAWde?*

An erster Stelle des Unterstützungsangebots der PAWde stand natürlich die Wissenschaftskarriere, mit etwa 35 % (n=26) der Angebote. Im Programm gab es Workshops und Informationen zu Fragen rund um „How to do a Career in Academia?“, wie Karriereplanung, Bewerbungen auf Professuren, Berufungsverfahren als Black Box, Habilitation und wie man die richtige Mentorin oder den richtigen Mentor findet etc.

Mit ein wenig Abstand folgten die Angebote zum Thema Karrieren jenseits der Wissenschaft. Insgesamt 16 Angebote der Postdoc Appreciation Week in Deutschland (13 % v. n=120) machten den Ausstieg aus der Wissenschaft bzw. Laufbahnoptionen außerhalb der Wissenschaft zum Thema. Die Angebote reichten vom Wechsel ins Wissenschaftsmanagement, Career-Talks über „How to Career on the Non-Academic Labour Market“ mit Alumni oder Unternehmensvertretungen bis zu Workshops zur Profilschärfung für die berufliche Neuorientierung. Wege in die Selbstständigkeit oder zur Gründung fanden sich hingegen nicht im Angebot der PAWde.

Die weiteren Themenbereiche im Angebot der PAWde wiesen einen höheren Diversitätsgrad auf:

  • Angefangen mit den Angeboten zu Handlungskompetenzen (10 %, n=12). Diese sind nicht nur in der Wissenschaft wichtig, sondern auch außerhalb des wissenschaftlichen Kontexts von Bedeutung. Dazu gehören beispielsweise Führungskompetenzen, Kreativität, Projektmanagement oder Kommunikationsfähigkeiten etc.
  • Gefolgt von Angeboten zur Finanzierung und Förderung (9 %, n=11) in der Postdoc-Phase. Hierbei handelt es sich beispielsweise um Überblicke über die verschiedenen Fördermöglichkeiten oder die Vorstellung von speziellen Förderprogramme von Organisationen, wie z. B. der DFG oder der EU.
  • Im Anschluss fanden sich Angebote zum Schreiben und Veröffentlichen (8 %, n=10). Hierbei lag der Fokus hauptsächlich auf dem erfolgreichen Verfassen von Anträgen und dem Publikationsprozess. Aber auch neue Angebote zum Schreiben mit AI wurden 2023 im Programm angeboten.
  • Das Netzwerken als Mittel zur Karriereentwicklung stand nicht so sehr im Zentrum der PAWde (6 %, n=7). Vielmehr konzentrierten sich die angebotenen Veranstaltungen darauf, bestimmte Gruppen von Postdocs zu vernetzen, wie z. B. Postdocs in einer bestimmten Region zu vernetzen (Rhein-Neckar) oder Postdocs aus bestimmten Regionen zu vernetzen (Spanish Researchers in Germany).
  • In den Bereichen Sichtbarkeit und WissKomm (6 %, n=7) ging es nach dem Angebot zu urteilen neben der generellen Wissenschaftskommunikationsstrategie vor allem darum, den Postdocs eine Online- und/oder Social Media Strategie zu vermitteln.
  • Je ein Angebot im Programm der PAWde hatte die gute wissenschaftliche Praxis, das Forschungsdatenmanagement und Open Data zum Inhalt sowie eine Austauschformat mit einem Research Support (3 %, n=4).
  • Auch Angebote rund um das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) waren eher spärlich gesät (2,5%, n=3).
  • Gleiches gilt für den Bereich Mental Health. Hier fanden nur zwei Angebote zum Thema Training gegen Stress und ein „Resilience for everyday postdoc life“ (2 %, n=2) Einzug ins Programm.
  • Ebenfalls zweimal im Programm der PAWde zu finden: zwei Lab Tours in verschiedenen Einrichtungen (2 %, n=2).

Sonstige Themen fanden nur jeweils einmal im Programm ihren Platz, sind aber deswegen nicht uninteressanter, wie z. B. ein Open Access Escape Room oder die Evaluation von Lehre, die Altersvorsorge für Wissenschaftler*innen, die Verantwortung der Wissenschaft oder der Machtmissbrauch und Sexismus etc.  

Zahlen zur Publication Week der Universität Hildesheim

Nun wäre es natürlich interessant, einen Einblick in die Teilnahmezahlen zu erhalten. In diesem Zusammenhang kann ich jedoch lediglich Angaben zur Beteiligung an der Veranstaltungsreihe „Publication Week“ der Universität Hildesheim machen. Bei der Publication Week handelt es sich um eine Workshop-Reihe, die zweimal im Jahr von der Universitätsbibliothek (UB) und dem Graduiertenzentrum (GZ) organisiert wird. Dieses Jahr wurde die PubWeek vollständig für die PAWde geöffnet.

Aus der Tabelle 2 lässt sich ablesen, dass die „Altersvorsorge für Wissenschaftlerinnen“ ein Thema war, welches die Zielgruppe (n=50) stark nachgefragt hat (Sabrina Volk: https://finanziellebildung.eu/). Gefolgt von den Themen der „Gestaltung der Zukunft“ (n=25), um einen Einblick in die Entwicklung einer Exit-Strategie zu bekommen (Svea Korff: http://www.sveakorff.com), der „Einführung in die Wissenschaftskommunikation“ (n=24) in Form einer Toolbox zur zielgruppenadäquaten Kommunikation (Sylvia Jaki: https://jaki.hosting.uni-hildesheim.de/) und wie man „LinkedIn´s Big Data für einen besseren Berufseinstieg“ (n=24) nutzen kann (Maia George: https://www.maia-george-wissenschaftscoach.de/). „Besser abgrenzen, Ausgleich schaffen, psychisch gesund bleiben“ (Stephanie Siebert: https://www.coaching-siebert.de/) konnte leider erst nach der Einreichungsfrist der PAWde organisiert werden, so dass dieser Workshop nicht über die Social Media Kampagne beworben werden konnte. In der doppelt so hohen Teilnahmeanzahl der anderen Workshops, die über die Social Media Kampagne beworben wurden, lässt sich auch ablesen, welchen Erfolg und Reichweite die PAWde hat.

Offene Fragen?

Was für Fragen ergeben sich aus dieser kurzen Analyse?

  • Ein Ergebnis, dass es für mich hervorzuheben gilt, ist, dass der Ausstieg aus der Wissenschaft inzwischen ein Bestandteil im Angebot der Unterstützungslandschaft von Graduierteneinrichtungen ist und kein Tabu mehr!
  • Allerdings gibt es – jedenfalls in der PAWde – keine Angebote, die in Richtung Selbstständigkeit oder Gründung gehen. Sind das eher Angebote die ausgelagert werden? Das Graduiertenzentrum der Uni Hildesheim kooperiert hier zum Beispiel mit der Kompetenzwerkstatt für Entrepreneurship und Transfer (KET) der Uni Hildesheim oder (extern) mit Young Entrepreneurs in Science (YES).
  • Dass Lehre kaum noch ein Thema in der Postdoc-Phase ist, war mir aus meiner eigenen Forschung bereits bewusst, aber gibt es hier wirklich keinerlei Bedarfe?
  • Über Social Media wurde der Resilienz-Workshop-Charakter der PAWde kritisiert. Schaue ich mir jedoch das Programm der PAWde an, finde ich es eher erschreckend, wie wenig Mentale Gesundheit eine Rolle spielt.

Was für Erkenntnisse ziehen Sie aus diesen Ergebnissen? Teilen Sie Ihre Erkenntnisse gern mit mir, damit ich diese in die Organisation der nächsten Publication Weeks einfließen lassen kann.


* Die Auswertung basiert auf einer Tabelle mit insgesamt N=120 Angeboten, die den teilnehmenden Einrichtungen an der PAWde zur Verfügung gestellt wurde. Auf der Webseite der PAWde sind jedoch insgesamt 126 Angebote im Programm. Einen Abgleich habe ich für diesen Blogbeitrag nicht vorgenommen.


Quellen:

Link:

Bildnachweis:

Logo der Postdoc Apprecation Week.